„Ich bin eine begierig Beobachterin des Alltags – eines eigenen, des Alltags meiner Freunde und Bekannten, der Menschen um mich herum. Mein ganzes fiktionales Schreiben entspringt der Dokumentation von Alltäglichkeiten. Aber die Verbindung zwischen dem festgehaltenen Augenblick und einer fiktiven Szene ist minim. Die Wirklichkeit bildet lediglich das rohe Material, das ich so stark bearbeite, bis die Ähnlichkeit zwischen Fiktion und Realität für das Resultat nicht mehr relevant ist.“

„Weshalb haben Sie sich nie an konventionelle Erzählmuster gehalten?
„… Zur Unterhaltung sind traditionelle Erzählformen gut geeignet. Aber als Leserin und Autorin langweilen sie mich. Ich will von einem Text zum Dialog aufgefordert werden. Ich liebe die Befriedigung, die Geschichten mit sich bringen, zu deren Verständnis man eine Anstrengung unternehmen musste. Literatur soll Fragen aufwerfen und uns auf die Komplexität der Dinge aufmerksam machen. Sie soll einfach Lust aufs Denken machen. In meinen Texten will ich Raum für Widerspruch schaffen.“
aus: „Ich will Lust aufs Denken machen“ von Sacha Verna, Neue Zürcher Zeitung 27.10.2019

„Das Ebenmaß der Form einer frei erfundenen Erzählung ist nicht so einfach in einer Geschichte zu erreichen, die ihrem Wesen nach weniger mit Fabuliertem als mit Fakten zu tun hat. Die kompromisslos erzählte Wahrheit wird immer ihre Ecken und Kanten haben; daher kann der Schluss einer solchen Geschichte nicht so formvollendet sein wie eine Fiale in der Architektur.“

„Ein Roman, in dem jeder Charakter dank einer inneren Logik gleich auf den ersten Blick verständlich ist, stellt entweder nur Teile des Charakters dar und erweckt den Anschein als wären diese Teile das Ganze, oder er ist der Wirklichkeit sehr untreu.“
aus der Seenovelle „Billy Budd“, dem letzten Werk von Melville

(…) „Ein gutes Gedicht öffnet mit wenigen Worten einen Raum und wirft die Imaginationsmaschine an. Es ist der Zündschlüssel für das Auto, in dem du in deiner bildhaften Gedankenwelt herumfahren kannst. Die einzelnen Wörter sind dabei Pfeile, Wegweiser in alle erdenklichen Richtungen.

Ein Gedicht ist im besten Fall ein Resonanzraum. Ein Gerüst von wenigen Worten, die durch die Anordnung einen Klang erzeugen, der rundherum ausschwingt und Synapsen ankickt, zu versteckt gespeicherten Erinnerungen an Stimmungen und Bildwelten.

Ein Gedicht skizziert den Schauplatz einer Geschichte, von der du nur einen Bruchteil aufblitzen siehst. Von dort aus spinnen sich in deinem Hirn die Fäden selber weiter – die Hintergründe, die Zukünfte, all das passiert bei dir. Ein Gedicht ist der Kern, der dort erblüht, wo es weh tut. Es ist der Splitter, der übrig bleibt, wenn du mit dem Hammer auf die Käseglocke haust.

Ein Gedicht ist ein Destillat. Durch seine Eingekochtheit wird jedes Wort darin essenziell. Dabei wächst dessen Bedeutung in all seinen Eigenschaften: wie es ausschaut, wie es klingt, was es bedeuten kann. So rückt es Unscheinbares ins Licht, stellt vermeintliche Banalitäten in den Scheinwerfer, wo sie tanzende Schatten werfen.“ (…)
Auszug aus: „Explosionen auf dem Papier“ von Michelle Steinbeck (2018 erschien bei Voland & Quist ihr Gedichtband „Eingesperrte Vögel singen mehr“), Neue Zürcher Zeitung 28.4.2019 (erstmals erschienen in „WoZ“)

Der schweizer Schriftsteller, der schon seit Jahrzehnten in Paris lebt, ist 90 Jahre alt geworden. Was wir heute als Autofiktion bezeichnen hat er bereits als einer der ersten Autoren für seine „Kunstschriftstellerei“ (wie er sein Schreiben selbst nannte) eingesetzt:

„Ich bediene mich meiner Biographie, mein Leben ist mein Stoff und mein Ziel ist, daraus Fiktion zu machen.“
aus: „Eine Rückkehr war nie vorgesehen“ von Jürg Altwegg – Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.12.2019

„Dem Tod bei der Arbeit zusehen“ – heißt im amerikanischen Sprachgebrauch, einen Film schießen. Filmen ist ein aggressiver Akt. Nicht ohne Grund hatten die Ureinwohner Nordamerikas das Gefühl, dass Fotografen ihnen ihre Seele stehlen. Sie wurden ja de facto auch von den Leuten fotografiert, die sie und ihre Kultur ausradiert haben.“
aus: Filmen ist ein aggressiver Akt, Antje Stahl im Gespräch mit Wim Wenders, Neue Zürcher Zeitung 15.5.2019

Vor neun Jahren wir das Buch einer damals unbekannten Autorin ein Hit: „Erebos“. Es hat sich inzwischen 750.000mal verkauft. Nun erscheint „Erebos 2“. Peer Teuwsen hat die Erfolgsautorin gefragt:
Sind Sie besser geworden beim Schreiben?
„Schwierig. Der Druck ist einfach zu gross, das Niveau des Schreibens zumindest zu halten.“

Wie haben Sie schreiben gelernt?
„Meine Aufsätze waren schon in der Schule immer die besten. Und ich habe sehr früh angefangen zu lesen. Von Büchern konnten mich meine Eltern nur chirurgisch trennen. So wie man heute Kinder vom Computer wegzerren muss.“

Wie schreibt man gute Jugendliteratur?
„Ich schreibe so, dass ich es gerne selbst lese.“

Anders gefragt: Was können Sie gut?
„Ich kann ganz gut plotten, mir also Geschichten überlegen, die keine allzu vorhersehbaren Wendungen nehmen. Und ich versuche, nicht den moralischen Zeigefinger zu erheben – weil mich das schon als Jugendliche wahnsinnig gemacht hat. Ich versuche, keinen Jugendsprech zu schreiben – weil man sich da einfach nur lächerlich macht. Und ich versuche, keinen Trends hinterherzurennen. Also etwa jetzt auch noch ein Vampir-Buch zu schreiben.“
aus: „Ich bin wie eine Zauberin“ von Peer Teuwsen, Neue Zürcher Zeitung 25.8.2019

Ein Jahr vor seinem Tod konnte Professor Matthias Bormuth den Schriftsteller Peter Hamm nach den Anfängen seines Schriftstellerlebens befragen und erfuhr: Mit der Liebe zu einem Mädchen in der Nachbarschaft fand der Autor und Kritiker zum Schreiben:
So waren Liebesbriefe die erste eigenen Literatur?
„Ich erfuhr im Schreiben Leidenschaft pur. Ich wußte gar nicht, was da aus mir herauskam. Man fragt sich: Woher kommen diese Worte und Sprachfiguren? Was geschieht mit mir, wenn ich schreibe. Man fühlt sich als etwas Besonderes.“
aus: Matthias Bormuth „Abgründe waren mir nicht wirklich fremd“ – Neue Zürcher Zeitung 7.11.2019

„Man lässt viel von sich in einen Text einfliessen, aber unbewusst und nicht eins zu eins. Will ich den Wutanfall eines Mörders beschreiben, muss ich niemand umgebracht haben. Es reicht, mich an die Empfindungen zu erinnern, die ich hatte, als mir einer den Parkplatz klaute. Wenn ich dieses Gefühl aufblase, kann ich die Gefühle des Mörders gut beschreiben. Ich finde es spannend, in eine Figur hineinzukriechen, ihr zu folgen – aber es bleibt ein Rollenspiel.“
aus: Marius Leutenegger „Eine lewinskysche Sprache gibt es nicht“ – Lesen 1/2019
von Charles Lewinsky ist am 20.3.2019 sein neuer Roman „Der Stotterer“ bei Diogenes erschienen

Jim Jarmusch erzählt in diesem wunderbar ruhigen und inspirierenden Film die Geschichte eines jungen Busfahrers, der ein Dichter war. Die Gedichte hat der amerikanische Lyriker Ron Padgett geschrieben. Den Dichter, der aus dem Alltag Poesie macht, spielt Adam Driver. Ich habe diesen ruhigen unspektakulären Film schon etliche Male auf DVD angesehen und finde ihn, wie übrigens auch Filmkritiker, immer wieder hinreißend.

„Übersetzte Gedichte sind so ähnlich wie mit einem Regenmantel unter der Dusche zu stehen.“

„Manchmal birgt ein leeres Blatt doch die meisten Möglichkeiten.“

„Ich war ein einziges Mal in meinem Leben auf der Buchmesse. Das muss genügen. Ich habe auch meinen Verlag gebeten, meine Bücher niemals irgendwo einzureichen, damit auf einer dieser Long- oder Shortlists Hoffnung auf einen Literaturpreis aufkommen kann. Ich habe mich immer über Preise gefreut, die man mir zugesprochen hat, wollte aber nie auf einer dieser Listen stehen, um dann in einer der Oscar-Verleihung nachgebastelten Show wie ein Pudel auf den Knochen zu warten. Wer Vergnügen an derlei Veranstaltungen hat, soll daran teilnehmen. Ich würde mir diese Demütigung selbst dann nicht antun, wenn ich mir meine Schreibzeit wieder wie früher als Chauffeur verdienen müsste.“
aus: Manfred Papst „Im Schatten jedes Weltwunders liegt ein Massengrab“ – Neue Zürcher Zeitung 2.4.2017

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